Mittwoch, 23. Januar 2013

Internat der gehorsamen Klone


Leinwandadaption des  Romans „Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro  /  Melancholische Dreiecksgeschichte

Im ersten  Moment glaubt man, in dem neuen  Harry-Potter-Film gelandet zu sein. Ein abgeschottetes Internat irgendwo im idyllischen England. Schüler, gekleidet im britischen Landhaus-Stil, denen die strengen Lehrer eintrichtern, etwas Besonderes zu sein.  Was sie tatsächlich auch sind – aber anders als wir vermuten, denn die Romanvorlage zu „Alles, was wir geben mussten“ stammt nicht von der Potter-Erfinderin  J.K. Rowling, sondern dem Schriftsteller Kazuo Ishiguro („Was vom Tage übrig blieb“),  der sich eine düstere Dystopie ausgedacht hat. Sie beginnt  in dem England eines Paralleluniversums Anfang der 60er Jahre, in dem, so heißt es  gleich zu Beginn,  aufgrund bahnbrechender medizinischer Erfolge die Menschen 100 Jahre alt werden, und endet Anfang der 90er Jahre. Nicht Zauberschüler, die den Bösewicht Lord Voldemort fürchten müssen,  gehen auf das besagte Internat namens Hailsham. Nein,  dort wachsen Jungen und Mädchen auf, die geklont worden sind und als Organspender dienen. Traurige Gewissheit: Sie werden ihr 30. Lebensjahr nicht erreichen.
Alex Garland,  selbst Schriftsteller und Autor des Longtime-Bestsellers „The Beach“, hält sich mit seinem Drehbuch eng an die literarische Vorlage, die sich  vom stilistischen Aufbau her dem Mainstream verweigert.  Regisseur Mark Romanek („One Hour Photo“)  wird ihr mit einer behutsamen Inszenierung, die von Empathie für die Klone und bitterer Melancholie durchzogen ist,  und mit ruhigen,  pastoralen Bildern, in die  sich zunehmend  ein harter Grauton einschleicht, gerecht. 
Dramaturgische Paukenschläge  oder überraschende Wendungen, was die Story durchaus hergeben würde, werden dafür wie in Ishiguros Buch ausgespart. Schnell ist die Katze aus dem Sack - eine Lehrerin klärt die Kinder über ihr unausweichliches Schicksal auf, um dann wie in einer ethnologischen Fallstudie zu beschreiben, wie junge Menschen unter dem Damoklesschwert des Todes ihr Leben gestalten.
Drei dieser gezüchteten Ersatzteillager  stehen im Mittelpunkt der Handlung:   Kathy (Carey Mulligan), Tom (Andrew Garfield) und Ruth (Keira Knightley). Ihre Tage sind von typischen Teenagerproblemen bestimmt: Tratsch und Klatsch, Liebe und Eifersucht.  Dabei zieht Kathy, seit ihrer Kindheit in Tom verliebt,  zunächst den Kürzeren. Später,  als die Jugendlichen –  kurz vor ihrer Bestimmung  – in schäbige Cottages ausquartiert werden, bleibt sie die Beobachterin, die sich hinter Büchern versteckt, während Tom und Ruth ein Paar sind. Dann ist es Ruth selbst, nach mehreren  Organ-Transplantationen dem  Tode geweiht, die Kathy und Tom zusammenbringt.
  Kurz schimmert Hoffnung auf, weil ein Gerücht die Runde macht, dass geklonte Paare, die sich lieben, von ihrer Bestimmung angeblich verschont bleiben. Die beiden wollen es wissen und fahren zu ihrer ehemaligen Schulleiterin (Charlotte Rampling)  – Repräsentantin  dieses unmenschlichen Staates, der nicht in Erscheinung tritt.
Muss er auch nicht: Die Stärke des Films liegt gerade darin, an der Dreiecksgeschichte  die  Tragik und Perfidität einer  Zweiklassen-Gesellschaft ohne Moral und Ethik zu knüpfen, in der das Glück der einen nur durch die determinierte Opferrolle  der anderen möglich ist. Damit wird die herzerweichende Geschichte von Kathy, Tom und Ruth, deren Naivität nicht erzürnt, sondern rührt,  zur politischen Parabel.

René Erdbrügger

Herausragend

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