Mittwoch, 31. Dezember 2025

Die zehn besten Serien 2025



Mobland

 

Die Serie erzählt von Machtkämpfen innerhalb der organisierten Unterwelt. Unterschiedliche Gruppen ringen um Einfluss, während persönliche Loyalitäten immer wieder auf die Probe gestellt werden. Im Mittelpunkt stehen Spannungen, strategische Entscheidungen und die Folgen eines Lebens am Rand der Gesellschaft. 

Besonders reizvoll ist die Besetzung: Helen Mirren und Pierce Brosnan spielen bewusst gegen ihr gewohntes Image und verleihen ihren Figuren eine ungewohnte Härte und Ambivalenz. Diese Rollen gegen den Strich geben der Serie zusätzliche Tiefe und Überraschungsmomente. Stilistisch erinnert Mobland dabei immer wieder an die frühen Filme von Guy Ritchie – mit pointierten Dialogen, schwarzem Humor und einer Inszenierung, die zwischen Coolness und Chaos pendelt.

 



Pluribus

Diese Science-Fiction-Serie spielt in einer Welt, die durch ein mysteriöses außerirdisches Ereignis grundlegend verändert wurde. Fast alle Menschen scheinen plötzlich Teil eines gemeinsamen Bewusstseins zu sein – nur wenige bleiben außen vor. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die nicht betroffen ist und beginnt zu hinterfragen, ob diese scheinbar perfekte neue Realität wirklich ein Fortschritt ist. Die Serie überzeugt durch philosophische Tiefe, Spannung und starke Figuren.


 

The Bear (Staffel 4)

In der vierten Staffel geht es weiter mit dem stressigen Alltag eines kleinen Restaurants in Chicago. Die Serie zeigt sehr intensiv, wie persönliche Krisen, familiäre Konflikte und beruflicher Druck aufeinandertreffen. 


 

Alien: Earth

Diese Science-Fiction-Serie erweitert das bekannte Alien-Universum und verlegt die Bedrohung erstmals direkt auf die Erde. Nach einem folgenschweren Vorfall müssen verschiedene Menschen zusammenarbeiten, um eine unbekannte außerirdische Gefahr aufzuhalten. Die Serie verbindet düstere Atmosphäre, Spannung und klassische Horror-Elemente mit moderner Serienerzählung.


 

The Studio

Diese Comedyserie wirft einen satirischen Blick hinter die Kulissen eines großen Filmstudios. Ein neuer Studioleiter versucht, kreative Ansprüche, wirtschaftliche Zwänge und exzentrische Filmschaffende unter einen Hut zu bringen. Die Serie lebt von scharfem Humor, pointierten Dialogen und vielen Anspielungen auf die Filmindustrie.


 

Severance

Eine dystopische Serie über Arbeit und Identität, in der Beruf und Privatleben radikal voneinander getrennt werden. Nach und nach zeigen sich die psychologischen Folgen dieses Systems und stellen die vermeintliche Ordnung infrage.


 

The White Lotus 3

Eine Gesellschaftssatire, die das Aufeinandertreffen von Luxus, Privilegien und persönlichen Krisen zeigt. Hinter der idyllischen Fassade eines Urlaubsparadieses kommen Spannungen und Konflikte ans Licht.


 

The Beast in Me 

The Beast in Me ist eine psychologische Thriller-Serie, die sich mit den dunklen Seiten der menschlichen Natur beschäftigt. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die nach einem einschneidenden Ereignis versucht, ihr Leben wieder zu ordnen. Durch das Auftauchen eines geheimnisvollen Nachbarn gerät sie immer tiefer in eine Welt voller Unsicherheiten, Lügen und psychologischer Spannungen. 


 

 

 

Call My Agent! Berlin 
 
Die deutsche Version von "Call My Agent! - Berlin"  ist eine Adaption der französischen Originalserie Dix pour cent. Die deutsche Umsetzung versucht, den Charme der französischen Serie beizubehalten, und zwar mit einem ähnlichen Humor und den gleichen dramatischen Elementen. 
 
Die Stärken liegen in den selbstironischen Gastauftritten (Bleibtreu, Lauterbach, Riemann, Ferres, Berben u. v. m.) und einem soliden Ensemble um Konstantin (Michael Klammer), Gabor (Lucas Gregorowicz), Sascha (Karin Hanczewski), Hellen (Gabrielle Scharnitzky) und Newcomerin Sophie (Dana Herfurth). Die Serie nimmt die deutsche Filmbranche treffend aufs Korn: Förderdschungel, Streamingdruck, fehlender Glamour, Selbstzweifel. Die beste deutsche ihrer Art seit Langem.
 

 
I Love LA
 

"I Love LA" ist eine bissige, selbstironische Comedy, die Rachel Sennotts typischen Humor voll ausspielt. Mit scharfem Timing und schonungsloser Ehrlichkeit seziert die Serie das Leben junger Menschen in Los Angeles – zwischen Selbstinszenierung, sozialer Unsicherheit und emotionalem Chaos. Sennott überzeugt nicht nur vor der Kamera, sondern auch als kreative Stimme hinter dem Projekt. Nicht jeder Gag sitzt, doch die Serie punktet mit Authentizität, Tempo und einem klaren Gespür für die Absurditäten einer generationellen Befindlichkeit. Erinnert an "Girls" - allerdings noch schriller und lauter.


 



 

 

 

 

 

 


Mittwoch, 24. Dezember 2025

Bester Weihnachtsfilm alles Zeiten: "Ist das Leben nicht schön"

"Ist das Leben nicht schön" von Frank Capra aus dem Jahr 1946 ist für mich der beste Weihnachtsfilm, weil er eine zutiefst christliche Botschaft vermittelt. Schwer verschuldet und verzweifelt hält George Bailey (James Stewart) sein Leben für bedeutungslos. In seiner Hoffnungslosigkeit wünscht er sich, nie geboren worden zu sein, und steht kurz davor, in einen eiskalten Fluss zu springen. Doch die „himmlischen Mächte“ greifen ein: Der Engel Clarence (Henry Travers) rettet George und zeigt ihm, wie sich der Ort und das Leben seiner Mitmenschen entwickelt hätten, wenn es ihn nie gegeben hätte.


 

Der Film zeigt, dass jedes Leben von Gott gewollt und wertvoll ist und dass Nächstenliebe, Opferbereitschaft und Hoffnung stärker sind als Verzweiflung. George Bailey erfährt, dass sein Handeln anderen zum Segen wurde – ganz im Sinne des christlichen Gedankens, dass wir füreinander da sein sollen.Wer von diesem Film nicht berührt wird, hat kein Herz.  

 


Samstag, 20. Dezember 2025

Jay Kelly – George Clooney zwischen Selbstreflexion und verpassten Chance

Screening-Dienste sind Segen und Pein zugleich – einerseits machen sie Filme sofort und bequem verfügbar, andererseits rauben sie ihnen die lange, würdige Präsenz im Kino. Gerade Netflix lässt manche Produktionen nur kurz auf der großen Leinwand laufen, einzig um die formale Voraussetzung zu erfüllen, im Oscar-Rennen antreten zu dürfen. "Jay Kelly" von Regisseur Noah Baumbach gehört zu genau diesen Oscar-Favoriten.



Der gealterte Schauspieler Jay (George Clooney) ist auf einer Dienstreise durch Italien, die zu einer Memory lane wird.  Was nach einer lockeren, mediterranen Selbstfindung klingt, entpuppt sich als überraschend introspektives Werk, das seinen Protagonisten gnadenlos mit verpassten Chancen konfrontiert und mit der Frage, ob es sich gelohnt hat, dafür seine Familie aufzugeben.
Clooney spielt Jay mit einer gekonnten Mischung aus Charisma und Müdigkeit: ein Mann, der äußerlich noch strahlt, innerlich aber längst Risse trägt. An seiner Seite wirkt Adam Sandler als Manager Ron fast wie ein stiller Therapeut. Sandlers ruhige Präsenz, die fern seiner sonstigen Slapstick-Rollen liegt, bietet den perfekten Gegenpol zum emotional unruhigen Jay.
 

Der Film erreicht seinen stärksten Moment, als Jay bei einer Preisverleihung mit Szenen aus Clooneys eigener Filmografie konfrontiert wird. Es ist ein selbstreferenzieller, fast meta-hafter Augenblick, in dem Clooney nicht nur Jay spielt, sondern auch dem Echo seiner eigenen Karriere lauscht. *****

Sonntag, 9. November 2025

"Mission: Impossible – The Final Reckoning": Ein würdiger Abschluss

 

Der voraussichtlich finale Teil der Mission-Impossible-Reihe, "Mission: Impossible – The Final Reckoning", erfüllt die hohen Erwartungen an das Action-Genre: Regisseur Christopher McQuarrie und Hauptdarsteller Tom Cruise liefern ein Actionspektakel von unübertroffener Qualität. Cruises unglaubliche Hingabe, seine Stunts selbst durchzuführen – man denke an die Unterwasser- und Flugzeugsequenzen – ist das unbestrittene Highlight. Diese packenden, schweißtreibenden Momente sind technisch brillant inszeniert.

Allerdings wird das atemberaubende Spektakel von einem als überladen und zu ernst empfundenen Plot überschattet. Die Fortsetzung der Jagd auf die künstliche Intelligenz „Die Entität“ führt zu einer erzählerischen Struktur, die gerade in der ersten Filmhälfte langatmig wirkt. Ein Überfluss an Dialogen und wiederholten Erklärungen über die ständig absurd hohen Weltuntergangs-Einsätze drosselt das Tempo. Dem Film fehlt das leichte, witzige Augenzwinkern, das frühere Teile der Reihe so reizvoll machte, da er sich selbst zu ernst nimmt.


 

Auch die Charaktere bewegen sich in einem konstant melodramatischen und bedeutungsschwangeren Umfeld. Das emotionale Gewicht auf Ethan Hunt als alleinigem Retter der Welt ist arg überzogen.

Geschenkt: Trotz dieser erzählerischen Mängel entfalten die Action-Sets und die hervorragende technische Umsetzung – insbesondere das Sound-Design und die Kameraarbeit – eine enorme Sogwirkung. 

"Mission Impossible – The Final Reckoning" ist ein technisch brillantes Action-Epos und ein beeindruckender Beweis für Tom Cruises Entschlossenheit und Mut. Die Stunts sind grandios und machen den Film zu einem Muss für Action-Liebhaber. Gleichzeitig markiert er jedoch den schwächsten Teil der McQuarrie-Ära, da er sich im eigenen Bombast verliert und eine überfrachtete, zu ernste Handlung präsentiert. Der Film schließt die Geschichte ab, lässt aber die Hoffnung auf künftige, wieder etwas "leichtere" Missionen. 

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Samstag, 18. Oktober 2025

"Alien: Earth": Auf der Erde hört Dich jeder schreien

 

"Alien: Earth", die erste Serie aus dem ikonischen Sci-Fi-Horror-Universum, wagt einen mutigen und längst überfälligen Schritt: Sie holt das Grauen des Xenomorphs auf unseren Heimatplaneten. Für Fans, die sich nach neuen, philosophischen Dimensionen des Stoffes sehnen, bietet die Serie von Showrunner Noah Hawley (Fargo, Legion) eine erfrischende und dringend benötigte Erweiterung der bekannten Mythen. Frischer Wind durch Gesellschaftliche Kritik

Die größte Stärke von "Alien: Earth" liegt in der konsequenten Verankerung der Geschichte auf der Erde, die nur zwei Jahre vor den Ereignissen des ersten "Alien"-Films angesiedelt ist. Dieser zeitliche und örtliche Rahmen ermöglicht es der Serie, eine spannende gesellschaftliche und kapitalistische Kritik zu entfalten, die an die subtilen Untertöne des Originals erinnert, aber in eine moderne, dystopische Zukunft übersetzt wird. 


Im Zentrum steht hierbei oft die menschliche Hybris in Person des arroganten, extrem reichen Boy Kavalier, der als Parabel auf unsere heutigen Tech-Milliardäre gelesen werden kann. Sein Glaube, die Welt und sogar außerirdisches Leben kontrollieren und besitzen zu können, bildet den perfekten Nährboden für das Chaos.

Die Serie konzentriert sich nicht nur auf den puren Horror, sondern stellt tiefgründige Fragen über Transhumanismus, Bewusstsein und die Natur des menschlichen Körpers – insbesondere durch die Einführung der Synth-Kinder oder Transhumanen. Figuren wie Wendy und die anderen "Lost Boys" - Peter Pan lässt grüßen - bringen eine faszinierende, wenngleich teils umstrittene, Ebene in das Franchise, die sich deutlich von den beengten Korridoren der Raumschiffe abhebt. 

Über die Charaktere hinaus tragen auch neue außerirdische Lebensformen, wie das sogenannte Augen-Alien (T-Ocellus), dazu bei, neue Facetten "außerirdischen Lebens" zu präsentieren. Sehr gelungen.

***** 

Montag, 13. Oktober 2025

"The Bear" erzählt, wie Perfektion zum Überlebenskampf wird

 

Mit vier Staffeln hat sich The Bear von einer lauten Küchenserie zu einem vielschichtigen Drama über Ehrgeiz, Verantwortung und familiäre Bindungen entwickelt. Was in Staffel 1 als hektischer Kampf um einen kleinen Sandwichladen begann, wächst Schritt für Schritt zu einer Geschichte über Selbstfindung und Teamgeist heran.

Die zweite Staffel verlagert den Fokus stärker auf die Figuren: Jeder aus dem chaotischen Küchenteam bekommt Raum, eigene Wege zu gehen und zu scheitern – oder zu reifen. Dabei beweist die Serie viel Gespür für leise Töne und glaubwürdige Emotionen.


 

In Staffel 3 zeigt sich der Preis des Erfolgs: Perfektionismus, Druck und persönliche Konflikte bedrohen das Erreichte. Die vierte Staffel schließlich zieht ein reifes Fazit – weniger laut, aber emotional tief. Sie erzählt davon, wie schwer es ist, Balance zwischen Leidenschaft und Leben zu finden.

Besonders erwähnenswert ist  Jeremy Allen White, der als Carmy eine der eindrucksvollsten TV-Leistungen der letzten Jahre liefert. Mit stiller Intensität und feinem Gespür für Unsicherheit, Wut und verletzliche Stärke macht er die innere Zerrissenheit seiner Figur spürbar. Seine Darstellung trägt die Serie – glaubwürdig, ungeschönt und oft schmerzhaft echt. 

The Bear, so heißt das Restaurant, bleibt auch nach vier Staffeln außergewöhnlich – intensiv gespielt, atmosphärisch dicht und mit einem Herz für gebrochene Charaktere. Eine Serie, die zeigt, dass Küche, Chaos und Kunst manchmal nah beieinander liegen. 

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Düsteres Familiendrama „Black Rabbit"

 

Die neue Netflix-Serie Black Rabbit ist ein düsteres Familiendrama mit Thriller-Elementen, das tief in die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen eintaucht. Im Mittelpunkt stehen zwei Brüder (Jude Law und Jason Bateman), deren Leben sich nach Jahren der Funkstille erneut kreuzen – mit weitreichenden Folgen. Während der eine ein angesehenes Nachtclub-Lokal in New York führt, kehrt der andere mit emotionalem Gepäck und finanziellen Problemen zurück und bringt eine ganze Kette von Konflikten ins Rollen.

Denn Vince (Bateman) ist ein instabiler Charakter mit zweifelhaftem Ruf. Früher kämpfte er mit einer Sucht und sitzt nun auf hohen Schulden bei gefährlichen Gläubigern. Sein Bruder Jake (Law) wird dadurch in eine unaufhaltsame Abwärtsspirale hineingezogen 

Atmosphärisch bewegt sich die Serie auf hohem Niveau. Die urbane Kulisse von New York wird stimmig und beklemmend eingefangen – mit viel Schatten, Neonlicht und einer ständigen Spannung, die in der Luft liegt. Visuell und akustisch ist Black Rabbit durchgehend hochwertig inszeniert, was den düsteren Ton der Geschichte unterstreicht.







 

Die schauspielerischen Leistungen sind ein weiterer Pluspunkt. Die Darsteller der beiden Brüder verkörpern ihre Rollen glaubwürdig und mit viel Tiefe. Besonders die inneren Spannungen und unausgesprochenen Konflikte innerhalb der Familie werden überzeugend dargestellt. Die Chemie zwischen den Figuren trägt maßgeblich dazu bei, dass die Geschichte trotz bekannter Grundmuster fesselt.

Inhaltlich bleibt die Serie jedoch nicht ganz frei von Schwächen. Viele der erzählten Themen – wie familiäre Schuld, persönliche Abgründe und kriminelle Verstrickungen – sind nicht neu und folgen bekannten Erzählmustern. Einige Entwicklungen wirken vorhersehbar, und in der Mitte verliert die Handlung stellenweise an Tempo. Nebenfiguren und Erzählstränge, die zunächst interessant erscheinen, werden nicht immer konsequent weitergeführt.

Trotzdem gelingt es Black Rabbit, eine dichte, emotionale Grundspannung aufrechtzuerhalten. Die Serie lebt weniger von spektakulären Wendungen als von der intensiven Darstellung zwischenmenschlicher Konflikte und der Frage, wie weit man gehen würde, um Familie zu retten – oder sich von ihr zu befreien.

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Sonntag, 7. September 2025

"Like a Complete Unknown" – Eine Hymne an den Mythos Dylan

 

"Like a Complete Unknown" ist kein gewöhnliches Biopic – es ist eine tief empfundene Hommage an einen Künstler, der nie wirklich greifbar war. Regisseur James Mangold gelingt das Kunststück, Bob Dylan nicht erklären zu wollen, sondern ihn in all seiner Widersprüchlichkeit erfahrbar zu machen. Der Film fokussiert sich auf die frühen Jahre Dylans, die Zeit, in der aus einem jungen Musiker aus Minnesota eine Ikone der Gegenkultur wurde.

Im Zentrum steht Timothée Chalamet, der mit einer fast unheimlichen Authentizität in die Rolle des jungen Dylan schlüpft. Er spielt nicht nur – er lebt die Figur: die Stimme, der Blick, das Spiel mit der Gitarre, selbst das Scheue und zugleich Durchdringende in seiner Präsenz. Chalamet singt selbst, und das mit überraschender Überzeugungskraft – kein Imitat, sondern eine sensible Annäherung.


 

Die Inszenierung verzichtet bewusst auf klassische Biopic-Dramaturgien. Stattdessen erleben wir Momente – fragmentarisch, poetisch, voller Atmosphäre. Die Kamera fängt das New York der frühen 1960er mit rauer Romantik ein: verrauchte Clubs, regennasse Straßen, spontane Jam-Sessions. Musik wird hier nicht zur bloßen Kulisse – sie ist das erzählerische Herz des Films. Wenn Dylan singt, dann spricht der Film – leise, eindringlich, wahrhaftig.

Bemerkenswert ist auch das Ensemble: Nebenrollen wie Joan Baez oder Pete Seeger erhalten eigene Nuancen, ohne die Hauptfigur zu überstrahlen. Doch trotz der starken Darsteller bleibt der Film stets bei Dylan – oder besser gesagt: bei dem Versuch, ihn zu begreifen, ohne ihn zu entmystifizieren.

Was diesen Film besonders macht, ist seine Zurückhaltung. "Like a Complete Unknown" versucht nicht, Antworten zu geben. Er stellt Fragen – über Identität, Kunst, Wahrheit und Wandel. Er zeigt einen Dylan, der sich entzieht, neu erfindet, aneckt. Und genau darin liegt seine Größe: Der Film bewahrt das Geheimnis, das Dylan umgibt. Und macht daraus großes Kino.

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Sonntag, 24. August 2025

"Black Bag" – Stilvoller Spionagefilm mit Tiefgang

 

Steven Soderbergh liefert mit "Black Bag" ein ungewöhnliches Spionagedrama ab: dialogreich, ruhig inszeniert und visuell elegant. Statt Action und Gadgets gibt es hier ein konzentriertes Kammerspiel zwischen zwei Agenten – und Ex-Partnern – gespielt von Michael Fassbender und Cate Blanchett.

Was als geheime Mission beginnt, entwickelt sich zu einem dichten psychologischen Duell, bei dem Wahrheit, Vertrauen und Verrat miteinander verschwimmen. Die Chemie der Hauptdarsteller ist fesselnd, die Dialoge pointiert, das Setting minimalistisch, aber atmosphärisch stark.

Soderbergh inszeniert präzise, fast schon literarisch – mit viel Subtext und wenig Spektakel. Wer klassische Spionagethriller im Stil von John le Carré mag, wird hier fündig. Wer auf Action und Tempo hofft, eher nicht.


 

Der Film dreht sich um das Ehepaar George (Michael Fassbender) und Kathryn (Cate Blanchett), beide hochrangige Agenten des britischen Geheimdienstes. Ihre Beziehung, die von gegenseitiger Täuschung und beruflicher Paranoia geprägt ist, wird auf die ultimative Probe gestellt, als Kathryn als Maulwurf verdächtigt wird. George muss sich entscheiden: seine Loyalität gegenüber seiner Frau oder gegenüber seinem Land.

Die größte Stärke von "Black Bag" sind die herausragenden Leistungen der Hauptdarsteller. Michael Fassbender spielt den Geheimdienstler mit einer faszinierenden Mischung aus professioneller Kälte und persönlicher Zerrissenheit. Cate Blanchett glänzt als seine undurchschaubare Frau, deren Motive bis zum Schluss im Dunkeln liegen. Ihre gemeinsamen Szenen, in denen jeder Satz eine potenzielle Lüge sein könnte, sind das Herzstück des Films.

Soderberghs Inszenierung ist bewusst minimalistisch: keine ausufernden Verfolgungsjagden oder Explosionen. Stattdessen konzentriert er sich auf beklemmende Verhörsituationen, leise Dialoge und eine kühle, urbane Ästhetik, die die emotionale Distanz der Charaktere perfekt widerspiegelt. Die Kameraführung, oft aus der Hand geführt, verstärkt das Gefühl der Unmittelbarkeit und der ständigen Überwachung.

Der Film besticht auch durch sein scharfes Drehbuch von David Koepp, das mit trockenem Witz und cleveren Enthüllungen gespickt ist. "Black Bag" ist ein Thriller, der das Publikum zum Nachdenken anregt und nicht nur passiv unterhält. Er spielt virtuos mit den Themen Vertrauen, Paranoia und der Frage, wie man die Wahrheit erkennt, wenn jeder im eigenen Umfeld ein professioneller Lügner ist.

Der Titel "Black Bag" bezieht sich auf eine verdeckte Operation, die in der Welt der Geheimdienste als "Black Bag Job" bekannt ist. Das ist der umgangssprachliche Ausdruck für einen geheimen Einbruch, bei dem es nicht um Diebstahl geht, sondern darum, an Informationen zu gelangen. Agenten brechen in eine Wohnung oder ein Büro ein, um beispielsweise Dokumente zu kopieren, Wanzen zu platzieren oder Daten zu stehlen. Solche Aktionen sind oft illegal und werden im Geheimen ausgeführt, weil sie die Grenzen des Gesetzes überschreiten.

Der Film verwendet diesen Begriff, um von Anfang an klarzumachen, dass es um eine Welt voller Geheimnisse und moralisch fragwürdiger Taktiken geht. Es geht nicht nur um physische Einbrüche, sondern auch um das Eindringen in das Privatleben und die Psyche von Menschen, was das zentrale Thema des Films perfekt widerspiegelt.

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Samstag, 23. August 2025

„Night Always Comes“: Existenzkampf in einer Nacht

 

Mit "Night Always Comes" liefert Netflix einen packenden Thriller, der die Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute fesselt. Im Zentrum des Films (Regie Benjamin Caron) steht Lynette (Vanessa Kirby), die in einer einzigen Nacht alles riskiert, um das Zuhause, das sie mit ihrem Bruder teilt, vor der Zwangsräumung zu bewahren. Lynettes alleinerziehende, labile Mutter Doreen (Jennifer Jason Leigh) hat sich auf Pump plötzlich für 25.000 Dollar ein Auto gekauft. Das Geld war aber für die Anzahlung des Hauses gedacht. Der Hauskauf droht zu platzen, Obdachlosigkeit droht.

Vanessa Kirby bringt die Figur der Lynette mit einer Mischung aus Wut, Verzweiflung und Stärke zu Leben, die einfach mitreißend ist. Sie schafft es, die schwierige moralische Lage ihrer Figur greifbar zu machen und dem Zuschauer die Zerrissenheit ihrer Entscheidungen näherzubringen. Ihre schauspielerische Leistung ist definitiv der Höhepunkt des Films – sie verleiht Lynette Tiefe und Authentizität.


 

 
Was der Film "Night Always Comes" besonders sehenswert macht, ist sein Fokus auf das menschliche Drama der Geschichte. Der Film stellt die Frage, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, wenn es um ihre Existenz geht. Die Themen Armut, soziale Ungerechtigkeit und Gentrifizierung werden zwar angeschnitten, aber der Film stellt in erster Linie die menschliche Seite dieser Themen dar - einer der besten Filme des ganzen Jahres.

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„Heretic": Zwischen Glaube und Grauen

Was passiert, wenn der Glaube auf die Probe gestellt wird, nicht durch Zweifel, sondern durch eine völlige Zerstörung des Fundaments? "Heretic", der neue Film von Scott Beck und Bryan Woods, stellt genau diese Frage – und zeigt dabei, wie der Glaube gerade durch Herausforderungen gestärkt werden kann.

Zwei junge Missionarinnen landen in einem abgelegenen Haus, wo sie einem Mann begegnen, der ihre Überzeugungen auf die härteste Weise hinterfragt. Was als Gespräch über den Glauben beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Spiel aus Manipulation und psychologischen Angriffen.

Hught Grant liefert als Mr. Reed in "Heretic" eine meisterhaft komplexe Performance ab: charmant, bedrohlich und intellektuell intrigan­t. Sie zeigt, wie er alte Rollenmuster umkehrt.


 

Die beiden Nebendarstellerinnen, Sophie Thatcher (Sister Barnes) und Chloe East (Sister Paxton), liefern in "Heretic" kraftvolle, nuancierte Performances, die den Film emotional und thematisch tief verankern. Besonders authentisch wird das Spiel der beiden durch ihre eigene Herkunft: East und Thatcher wurden beide in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (LDS) erzogen – ein Detail, das den Regisseuren im Casting nicht bekannt war, das aber ihren Zugang zur Rolle stark unterstützt hat 

"Heretic" zeigt nicht einfach den Kampf zwischen Glauben und Unglauben, sondern stellt eine tiefere Frage: Was bleibt, wenn alles, woran du glaubst, auf den Prüfstand kommt? Der Film fordert den Zuschauer heraus, sich mit seinen eigenen Überzeugungen auseinanderzusetzen – und bietet keine leichten Antworten, sondern die Chance, den eigenen Glauben zu festigen.

Gerade für gläubige Zuschauer kann dieser Film eine wertvolle Reflexion sein, die den Glauben nicht untergräbt, sondern ihn aus neuen Perspektiven heraus stärkt mit schlagfertigen Argumenten.

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Samstag, 16. August 2025

Eingesperrt hinter der Wand – „Brick“ sorgt für Gänsehaut auf Netflix

 

Was tun, wenn dein Haus plötzlich von einer schwarzen Wand umschlossen ist – ohne Tür, ohne Fenster, ohne Erklärung? "Brick", ein deutscher Mystery-Thriller auf Netflix, setzt genau hier an und zieht uns in ein klaustrophobisches Szenario, das zwischen Science-Fiction und Kammerspiel schwankt.

Das Konzept ist stark: Eine mysteriöse Hightech-Barriere schneidet ein Wohnhaus samt Bewohnern von der Außenwelt ab. Die Ursache? Eine fehlgesteuerte Verteidigungstechnologie – klingt abgefahren, funktioniert aber erstaunlich gut als Aufhänger für Misstrauen, Gruppendynamik und existenzielle Angst.


 

Visuell solide und atmosphärisch dicht, lebt der Film von seiner bedrückenden Stimmung. Allerdings bleibt die Figurenzeichnung flach – insbesondere die Beziehung zwischen Tim (Matthias Schweighöfer) und Olivia (Ruby O. Fee) wirkt eher behauptet als fühlbar. Auch der Erzählfluss wirkt teils überhastet.Schauspielerisch ist Schweighöfer in einer ernsteren Rolle eine angenehme Überraschung.

"Brick" bietet viel Atmosphäre, ein spannendes Thema und eine gelungene visuelle Umsetzung. Der Erzählfluss wirkt allerdings teils überhastet.

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Donnerstag, 7. August 2025

"Inside" – Ein kühles Kammerspiel über Isolation und Wahnsinn

 

In "Inside" stellt sich der griechische Regisseur Vasilis Katsoupis einer außergewöhnlichen Herausforderung: Was passiert, wenn ein Mann völlig allein und gefangen in einem hochmodernen Luxus-Apartment ist, ohne Aussicht auf Rettung? Willem Dafoe, der als Kunstdieb Nemo in dieses düstere Abenteuer stürzt, trägt den Film mit einer packenden Performance, die den Zuschauer auf eine psychologische Reise zwischen Überleben und Wahnsinn mitnimmt.

Nemo, ein Kunstdieb, gerät bei einem Einbruch in eine moderne Luxuswohnung in eine verzwickte Situation. Ein unvorhergesehener Sicherheitsmechanismus versperrt den Ausgang, und der Besitzer der Wohnung bleibt verschwunden. Gefangen in einem gläsernen Käfig, ist er nun auf sich allein gestellt. Ohne Strom, Wasser oder Kontakt zur Außenwelt muss er sich mit den immer extremere werdenden Umständen auseinandersetzen.


 

Willem Dafoe ist schlichtweg der Motor dieses Films. Als alleiniger Darsteller schafft er es, die innere Zerrissenheit seiner Figur in jeder noch so kleinen Bewegung, in jedem Blick, in jeder Geste zu transportieren. Ohne die Unterstützung von Dialogen oder Mitspielern entfaltet sich Nemos psychische Zerrüttung auf eine ganz besondere Art und Weise. Es ist eine wahre Tour de Force der Schauspielkunst – Dafoe hält die Spannung und das Interesse der Zuschauer aufrecht.

Katsoupis nutzt das minimalistische, fast sterile Setting des Penthouse-Apartments, um den inneren Zustand der Hauptfigur widerzuspiegeln. Die Räume, die einerseits beeindruckend und luxuriös wirken, sind gleichzeitig kalt, unnahbar und ein Gefängnis. Kunstwerke an den Wänden, Skulpturen, teure Möbel – all das verliert schnell seinen Glanz. Besonders dann, wenn man immer weniger zu essen hat.

"Inside" ist weit mehr als nur ein klassischer Thriller oder ein Kammerspiel. Der Film thematisiert Isolation, Entfremdung und den psychologischen Verfall eines Menschen, der von der Welt abgeschnitten wird. Was passiert dann mit der menschlichen Psyche?

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Samstag, 2. August 2025

Einfach nur anstrengend: Netflix-Serie "Too Much"

 

Auf den ersten Blick verspricht die Netflix-Serie "Too Much" mit den renommierten Machern Lena Dunham ("Girls") und Luis Felber eine erfrischende, zeitgemäße Liebesgeschichte. Doch schnell wird klar, dass die Show, die so modern sein will, in altbekannten Erzählmustern stecken bleibt. Was als scharfsinnige Beobachtung über die Tücken der Liebe in den Dreißigern beginnt, entpuppt sich als eine vorhersehbare Aneinanderreihung von Klischees, die man in ähnlicher Form schon Dutzende Male gesehen hat.

Die Handlung um die New Yorker Statistikerin Jessica (Megan Marie Stalter), die sich in einen melancholischen britischen Musiker verliebt, ist der Kern dieser Enttäuschung. Statt die Dynamik einer Fernbeziehung oder die Herausforderungen einer neuen Kultur mit frischen Augen zu betrachten, verfällt die Serie in bekannte Stereotypen. Jessica ist die karriereorientierte, neurotische Denkerin, die ständig alles überanalysiert. Ihr Gegenüber, der Musiker Felix, ist der charmante, aber emotional unnahbare Freigeist. Diese Figurenkonstellation fühlt sich nicht authentisch an, sondern wie ein Abziehbild aus einem Indie-Film der 2010er Jahre.


 

Auch der Humor zündet selten. Der Versuch, die inneren Monologe der Hauptfigur witzig und tiefgründig zu gestalten, ermüdet schnell. Die Selbstzweifel und Sorgen der Protagonistin wirken oft selbstgefällig, was es schwer macht, mit ihr mitzufühlen. Die Dialoge sind bemüht, geistreich zu sein, wirken aber oft unnatürlich und künstlich. Anstatt die Komik in den absurden Momenten des Lebens zu finden, scheint die Serie Humor erzwingen zu wollen.

Am Ende bleibt "Too Much" eine vertane Gelegenheit. Trotz der vielversprechenden Ausgangslage und talentierter Köpfe hinter der Kamera gelingt es der Serie nicht, aus dem Schatten ihrer Vorgänger zu treten. Statt einer packenden und originellen Geschichte bekommt man einen generischen Plot mit Figuren, die man kaum ins Herz schließen kann.

Montag, 28. Juli 2025

„Companion – Die perfekte Begleitung“ – Wenn die KI zurückschlägt

In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz fast schon zum Alltag gehört, bringt „Companion – Die perfekte Begleitung“ frischen Wind ins Sci-Fi-Genre – mit einer Portion bitterbösem Humor, satirischer Gesellschaftskritik und überraschend viel Blut. Was zunächst wie eine charmante romantische Komödie beginnt, entpuppt sich schnell als düsteres Szenario über Kontrolle, Erwartungen und die Frage, wer eigentlich für wen da ist.

Iris (gespielt von Sophie Thatcher) ist nicht einfach nur eine Traumfrau – sie ist programmiert, eine zu sein. Als künstliche Begleiterin wird sie an einen jungen Mann „übergeben“, der sich eine perfekte Partnerin wünscht. Doch bald merkt Iris, dass „perfekt“ für ihn bedeutet: gehorsam, still, sexuell verfügbar sein. Was als skurrile Beziehung beginnt, kippt schlagartig, als Iris sich gegen ihre Rolle wehrt – mit tödlichen Konsequenzen.Was den Kipp-Punkt auslöst, soll hier nicht verraten werden.   

Thatcher verleiht Iris eine faszinierende Ambivalenz: Zwischen kindlicher Naivität und präziser Brutalität entwickelt sie sich zur eigentlichen Protagonistin. Ihre Darstellung macht es dem Publikum leicht, mit einem Roboter zu sympathisieren – und schwer, die menschlichen Figuren zu mögen. Jack Quaid verkörpert seinen Part mit einer Mischung aus Charme, Narzissmus und viel krimineller Energie.


 

Visuell pendelt der Film zwischen nostalgischer 50er-Jahre-Wohnwelt und klinisch-futuristischer Dystopie. Diese stilistische Mischung ist nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch bitterböse pointiert: Der Film spielt bewusst mit Schönheitsidealen, Genderrollen und dem Wunsch nach einer „perfekten“ Beziehung. Dabei geizt er weder mit schwarzem Humor noch mit blutigen Ausbrüchen – manche Szenen wirken fast wie aus einem Splatterfilm, ohne ins rein Exploitative abzurutschen.

Obwohl „Companion“ auf den ersten Blick wie ein klassischer Genre-Mix daherkommt, kratzt er an einigen spannenden Fragen: Was passiert, wenn Technologie unsere Bedürfnisse besser versteht als wir selbst? Wo liegt die Grenze zwischen Fürsorge und Besitzdenken? Und wie frei ist ein Wesen, das für jemanden anderen programmiert wurde?

Der Film wirft diese Fragen auf, ohne sie allzu tief auszuführen – aber vielleicht ist das auch seine Stärke: Er lädt zum Nachdenken ein, ohne belehrend zu sein.

Nicht alles sitzt perfekt: Manche Dialoge wirken konstruiert, die Story verliert im Mittelteil etwas an Tempo, und wer eine tiefgehende Analyse künstlicher Intelligenz erwartet, wird eher unterhalten als erleuchtet. Auch das Finale ist eher spektakulär als konsequent, aber stört nicht den Gesamteindruck.

„Companion – Die perfekte Begleitung“ ist kein philosophisches KI-Drama, sondern ein böser kleiner Film mit überraschendem Tiefgang, scharfer Satire und einer Hauptfigur, die sich von einem Produkt zur Rebellin wandelt. Ein Film, der auf clevere Weise zeigt, dass nicht immer der Mensch der Held ist – manchmal ist es die Maschine, die erkennt, was falsch läuft.

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Samstag, 26. Juli 2025

„Juror #2“: Ein Schuldiger unter Geschworenen

Mit Juror #2 kehrt Clint Eastwood als Regisseur zurück und liefert ein spannungsgeladenes Justizdrama, das weniger durch laute Effekte als durch innere Konflikte überzeugt. Die Geschichte dreht sich um Justin Kemp (Nicholas Hoult), einen Familienvater, der als Geschworener in einem Mordfall sitzt – und plötzlich erkennt, dass er selbst in das Verbrechen verwickelt sein könnte.

Nicholas Hoult spielt die innere Zerrissenheit seines Charakters glaubhaft, unterstützt von einer starken Toni Collette als kompromisslose Staatsanwältin. 

Eastwood inszeniert mit ruhiger Hand und seinem typischen Gespür für moralische Grauzonen. Statt klarer Schuld oder Unschuld geht es um Verantwortung, Gewissen und die Frage: Wann sagt man die Wahrheit, wenn sie einen selbst zerstören könnte?


 

Juror #2 ist ein nachdenklicher Film über Schuld, Moral und Zivilcourage – kein Thriller im klassischen Sinne, sondern ein leises Drama mit Gewicht. Eastwood bleibt seinem Stil treu – zurückhaltend, aber wirkungsvoll.

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Samstag, 19. Juli 2025

„The Last Showgirl" – Wenn der Applaus verklingt

Pamela Anderson überrascht – und überzeugt. In "The Last Showgirl", Regie Gia Coppolaspielt sie Shelly, eine gealterte Tänzerin aus Las Vegas, die nach Jahrzehnten auf der Bühne ihren Platz im Leben neu finden muss. Der Film folgt ihr durch eine stille Krise, die mehr mit Identität als mit Glamour zu tun hat – und ist dabei leiser, ehrlicher und viel tiefgründiger als man zunächst erwarten würde.

Anderson verleiht Shelly eine Mischung aus Verletzlichkeit und Trotz, die berührt. Es ist kein lauter Film, kein klassisches Comeback-Spektakel. Vielmehr geht es um das langsame Verblassen eines Lebensstils – und die Frage, was bleibt, wenn der Applaus verstummt. Anderson spielt das zurückhaltend und mit einem Mut zur Selbstoffenbarung, der überrascht.


 

Auch die Nebenrollen sind klug besetzt. Besonders Jamie Lee Curtis bringt mit einer ikonischen Szene Schwung in den Film – und sorgt für einen der wenigen echten „Wow“-Momente.

Trotz starker Darstellerinnen bleibt der Film erzählerisch nicht durchgehend rund. Einige Themen – etwa familiäre Konflikte oder Shellys innerer Wandel – werden angedeutet, aber nicht konsequent weitergeführt. Das sorgt für emotionale Lücken, gerade im letzten Drittel.

Was "The Last Showgirl" jedoch stark macht, ist seine Atmosphäre: Die Bilder, oft auf rauem 16 mm-Film gedreht, verleihen dem Ganzen eine fast nostalgische Intimität. Die Kamera bleibt nahe an Shellys Gesicht, und manchmal erzählt ein Blick mehr als jede Zeile im Drehbuch.

Es ist kein perfekter Film – aber ein mutiger. Einer, der sich traut, still zu sein, wo andere laut wären. Der sich auf eine Figur konzentriert, die sonst gerne übersehen wird. Und der eine Schauspielerin zeigt, die sich selbst neu erfindet – ganz ohne Glamour, aber mit echtem Herz. 

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Poker Face“ Staffel 2: Viel Routine, wenig Raffinesse

 

Nach dem Überraschungserfolg der ersten Staffel von "Poker Face" waren die Erwartungen an die Fortsetzung groß. Doch Staffel 2 kann das Niveau des Vorgängers leider nicht halten. Was einst als originelle Mischung aus klassischem „Whodunit“ und moderner Road-Mystery-Serie überzeugte, wirkt nun oft wie eine blasse Kopie seiner selbst.

Im Zentrum steht natürlich wieder Natasha Lyonne als Charlie Cale – mit ihrer charmant-rotzigen Art und der Fähigkeit, jede Lüge zu durchschauen. Doch was in Staffel 1 frisch, spannend und clever konstruiert war, wirkt in der zweiten Runde zunehmend formelhaft. Viele Episoden plätschern vor sich hin, der Überraschungseffekt fehlt, und echte emotionale Tiefe sucht man diesmal vergeblich.



Auch die neuen Nebenfiguren, sonst ein großes Plus der Serie, bleiben in Staffel 2 auffallend blass. Die Drehbücher sind weniger pointiert, die Fälle vorhersehbarer, und der Reiz des ständigen Unterwegsseins nutzt sich ab. Statt weiterzuentwickeln, wiederholt die Serie ihr Erfolgsrezept – nur ohne die gleiche Würze.

Natürlich ist "Poker" Face nach wie vor gut produziert, mit liebevollen Retro-Details und solidem Handwerk. Aber während Staffel 1 fast jede Folge wie ein kleines, raffiniertes Krimi-Juwel wirkte, bleibt in Staffel 2 vieles im Mittelmaß stecken.

Schade – denn das Potenzial wäre da. Vielleicht braucht es für Staffel 3 (so sie kommt) wieder mehr Mut zum Risiko, weniger Routine – und vor allem: bessere Geschichten.

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Andrea Arnolds "Bird": Zwischen Härte und Poesie

Mit "Bird" legt Andrea Arnold einmal mehr einen Film vor, der mitten ins Herz trifft – und ordentlich daran rüttelt. Wer ihre Werke wie "Fish Tank" oder "American Honey" kennt, weiß, dass sie sich nicht für die bequemen Seiten des Lebens interessiert. Auch diesmal blickt sie dorthin, wo Kino sonst oft wegsieht: an die Ränder der Gesellschaft, mitten hinein in Lebensrealitäten, die hart, ungeschönt und zugleich voller leiser Poesie sind.

Ein Kind, das zu früh erwachsen sein muss

Im Zentrum der Geschichte steht Bailey (beeindruckend: Newcomerin Nykyia Adams), zwölf Jahre alt, aufgewachsen in einem tristen Londoner Vorort. Ihre Kindheit ist von Armut, Vernachlässigung und einer bedrückenden Trostlosigkeit geprägt. Ihr Vater Bug – gespielt von Barry Keoghan, der auch hier wieder zeigt, dass er komplexe Charaktere wie kaum ein anderer verkörpern kann – ist überfordert, emotional abwesend und mehr mit seiner neuen Freundin beschäftigt als mit seinen Kindern. Bailey wird zur Ersatzmutter, noch bevor sie selbst weiß, wer sie eigentlich ist.


 

Arnold zeigt diese Welt ohne Filter, aber auch ohne Voyeurismus. Die Kamera ist dicht an den Figuren, oft dokumentarisch, und fängt die Details des Alltags mit einer unglaublichen Unmittelbarkeit ein: Sommertage am Strand, überfüllte Zimmer, Partys – man glaubt, das alles förmlich spüren zu können. Doch inmitten dieser Härte blitzen immer wieder zarte, fast magische Momente auf.

Zwischen Sozialrealismus und magischem Realismus

In dieses soziale Brennglas platzt plötzlich Bird (Franz Rogowski), ein mysteriöser Außenseiter, der auf einem verlassenen Grundstück sein Lager aufgeschlagen hat. Mit seiner rätselhaften Art, seinem langen Rock und der scheinbaren Verbundenheit zur Natur wirkt er wie aus einer anderen Welt. Er spricht in Bildern, bewegt sich durch die Geschichte wie ein Geist – und wird für Bailey zu einer Art unerwartetem Vertrauten.

Mit Birds Auftauchen verschiebt sich der Ton des Films. "Bird" bleibt zwar Sozialdrama, öffnet sich aber auch in Richtung eines leisen magischen Realismus. Kein Effektgewitter, kein Eskapismus – sondern kleine, fast schwebende Momente, die Baileys innere Sehnsucht nach Freiheit, Geborgenheit und einem besseren Leben widerspiegeln."

"Bird" ist kein Film für zwischendurch. Er verlangt Aufmerksamkeit – und belohnt dafür mit einem tief berührenden Blick auf das, was oft übersehen wird: die Widerstandskraft von Menschen, die Hoffnung auf ein besseres Morgen. Andrea Arnold bleibt sich treu – radikal in der Ehrlichkeit, aber auch sensibel im Blick.

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Samstag, 28. Juni 2025

Viel Lärm um weißen Rauch: Warum „Konklave“ enttäuscht

 

"Konklave“ von Edward Berger („Im Westen nichts Neues“ ) verspricht ein intensives politisches Kammerspiel: Der Papst ist tot, die Kardinäle versammeln sich zur geheimen Wahl seines Nachfolgers im Vatikan. Mittendrin: Kardinal Lomeli (Ralph Fiennes), ein Mann des Gewissens, der zwischen Machtspielen, Intrigen und spirituellem Zweifel vermitteln soll. Klingt nach einem spannenden moralischen Drama – ist es aber nur auf dem Papier.


 

Die Handlung verläuft weitgehend vorhersehbar. Die verschiedenen Kardinäle wirken wie Schachfiguren, die in bekannten Mustern agieren: Der erzkonservative Traditionalist, der machtbewusste Außenseiter, der scheinbar heilige Außenseiterkandidat – alle bewegen sich in erwartbaren Bahnen. Die Enthüllungen über dunkle Geheimnisse vergangener Jahre wirken konstruiert und kommen nie mit echtem emotionalem Gewicht. 

Ralph Fiennes bemüht sich um Tiefe, doch sein Kardinal Lomeli bleibt letztlich eine Projektionsfläche moralischer Dilemmata, ohne dass man ihn als Mensch greifen kann. Die Nebenfiguren – allesamt Kardinäle – wirken entweder wie Karikaturen oder Statisten. Besonders die konservativen Figuren verkommen zu einseitigen Bösewichten, ohne Differenzierung oder echtes Profil. Diese mangelnde Charaktertiefe wäre weniger problematisch, wenn der Film wenigstens Spannung durch cleveres Storytelling aufbauen würde – doch dazu kommt es nicht. Viele Dialoge klingen wie aus einem klischeehaften Fernsehfilm: bedeutungsschwer, aber leer. Das steht der Film dem Buch von Robert Harris in nichts nach. 

Visuell ist der Film durchaus eindrucksvoll: Die düsteren Flure des Vatikans, die opulenten Hallen, der Regen über Rom, die roten Roben der Kardinäle– all das ist stimmig eingefangen. Doch leider versucht der Film zu oft, durch Kameraarbeit und Musik Tiefe vorzutäuschen, wo das Drehbuch sie schuldig bleibt. Die Regie setzt auf ein ruhiges Tempo, das in der ersten Hälfte durchaus funktioniert. Doch spätestens im letzten Drittel kippt es ins Zähe. Gespräche wiederholen sich, Entwicklungen stehen auf der Stelle, und das große Finale kommt dann zu plötzlich – wie eine schlecht vorbereitete Opernszene. 

Der Film möchte viel: Er will die katholische Kirche als moralisch fragwürdige Institution zeigen, ihr eins auswischen, zugleich aber spirituelle Tiefe und Hoffnung vermitteln. Er will Fragen von Geschlecht, Macht, Schuld und Vergebung anreißen. Doch all das bleibt Stückwerk. Die finale Enthüllung über den neuen Papst (intersexuell geboren, als Symbol für eine neue, „offene“ Kirche) ist zwar mutig gemeint, wirkt jedoch wie ein kalkulierter Skandal – zumal diese Wendung keinerlei inhaltliche Vorbereitung oder echte psychologische Tiefe besitzt.

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Freitag, 13. Juni 2025

Kompromisslos, idealistisch, manchmal größenwahnsinnig: Brady Corbets „The Brutalist"

 

Brady Corbets „The Brutalist“ ist ein Film wie ein Bauwerk: kantig, monumental, kühl – und dabei voller menschlicher Tragik. In über 3,5 Stunden entfaltet sich eine epische Geschichte, die nicht nur das Leben eines Architekten nachzeichnet, sondern auch die Widersprüche einer ganzen Ära sichtbar macht.

Im Zentrum steht László Tóth, ein ungarischer Architekt jüdischer Herkunft, gespielt von einem außergewöhnlichen Adrien Brody. Tóth flieht mit seiner Frau Erzsébet (Felicity Jones) nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA – in der Hoffnung auf Freiheit, Anerkennung und die Verwirklichung seiner architektonischen Visionen. Doch der amerikanische Traum entpuppt sich bald als moralisch brüchige Konstruktion. Was als Hoffnung beginnt, wird zur schleichenden Dekonstruktion seiner Ideale.

Schon der Titel ist vielschichtig: Der Brutalismus ist ein Architekturstil, der für rohe Betonoberflächen, klare Linien und Funktionalität steht – oft verkannt, oft missverstanden. Genau das trifft auch auf Tóths Persönlichkeit und seine Lebensreise zu. Er ist kompromisslos, idealistisch, manchmal größenwahnsinnig – und das macht ihn nicht nur zur faszinierenden Figur, sondern auch zur tragischen.

Auch die Nebenrollen sind hochkarätig besetzt: Guy Pearce als zwielichtiger Mäzen Van Buren Sr. verkörpert die moralische Ambivalenz der Mächtigen mit subtiler Finesse, während Felicity Jones als Erzsébet mit stiller Stärke gegen das Zerbröckeln ihrer Familie ankämpft. 


 

Corbet inszeniert diese metaphorische Verbindung meisterhaft. Seine Kamera zeigt Bauten wie Charaktere – mal erdrückend, mal erhaben. Gedreht wurde auf analogem Film im seltenen VistaVision-Format. Bei diesem in den 1950er Jahren entwickelten Verfahren wird der Filmstreifen horizontal belichtet, aber vertikal abgespielt. Die Farben sind entsättigt. Das verleiht dem Werk eine ästhetische Strenge, fast museale Würde.

Dabei verzichtet  er weitgehend auf klassische Spannungsbögen. Stattdessen lässt er die Zeit selbst wirken – wie sie Menschen verändert, Ehen zerstört. Das fordert Geduld und Konzentration, belohnt aber mit einer emotionalen Tiefe, wie sie im heutigen Kino selten geworden ist.

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