Sonntag, 16. Februar 2014

"The Counselor" - Der Mensch, so abgrundtief schlecht


Michael Fassbender spielt den Counselor, einen Anwalt, der sich auf einen Drogendeal einlässt, der mächtig schief läuft. Der Schriftsteller und Pulitzerpreisträger Cormac McCarthy ("The Road") hat hiermit sein erstes Drehbuch verfasst, das mit vielen guten Einfällen und bitteren Pointen aufwartet, Ridley Scott hat es schick verfilmt. In dem nihilistischen Hochglanz-Thriller führen hübsche, gut angezogene Menschen tiefschürfende Gespräche über das Leben und den Tod und wollen am Ende doch nur eins: Geld, Geld, Geld. Aber der Preis der Gier ist hoch.  **** 

Samstag, 15. Februar 2014

Mini-Serie "Top of the Lake" - "Twin Peaks" in Neuseeland


Die  zwölfjährigen Tui, Tochter eines Drogenbarons, ist im 5. Monat schwanger ist. Plötzlich verschwindet sie. Inmitten der neuseeländischen Gebirgs- und Seenlandschaft ermittelt Robin Griffin (Elisabeth Moss aus "Mad Man"), Spezialistin für Sexualdelikte. Sie glaubt, dass Tuis' Vater seine Tochter missbraucht hat.
Längst hat Regisseurin Jane Campion ("The Piano") dem Kino den Rücken gekehrt. Mit der sechsteiligen Serie "Top of the Lake" beweist sie, dass die besten Filme heute im Fernsehen laufen statt im Kino. Kompromisslos hat Campion  einen sechs Stunden langen Psychothriller gedreht, der mit herkömmlichen Erzählmustern bricht und an die legendäre Serie "Twin Peaks" erinnert. *****

Nachtlektüre (9/2014/): Lauren Beukes: "Shining Girls" (Verlag rowohlt Polairs)




Literarischer Thriller über einen Serienmörder, der per Zeitportal zu seinen Opfern reist, und eine junge Frau, die ihn jagt. Auf den letzten Seiten verliert der Roman leider an Fahrt.  ****

Dienstag, 11. Februar 2014

"The Returned" - Die Rückkehr der Toten

Die etwas andere Zombie-Serie aus Frankreich

Zombies müssen nicht verwest durch die Gegend rennen. In der französischen Serie "The Returned" kehren die Toten unversehrt zurück und nehmen ihr früheres Leben ein. Oder versuchen es. Das ist nicht nur verstörend für die Familienangehörigen und Dorfbewohner, sondern auch für den Zuschauer, der sich an  einer der genialsten Mystery-Serien der letzten Zeit erfreuen darf. Hier kommt das Grauen auf leisen Sohlen. Dass es die Serie nur mit englischen Untertiteln gibt, stört kein bisschen.  *****  

Nachtlektüre (8/2014) Simon Beckett: "Der Hof" (Verlag Wunderlich)

Atmosphärischer Thriller, der in Südfrankreich auf einem Bauernhof und in London spielt. Mit einem makaberen Ende.  Mein erster Roman von Simon Beckett. Bin beeindruckt. *****

Nachtlektüre (7/2014): John Niven: "Straight White Male" (Verlag Heyne)


"Music from Big Pink", "Kill your Friends", "Gott bewahre", "Das Gebot der Rache" - John Niven bringt's in jedem Genre gut. Sein neuer Roman "Straight White Male" handelt von einem sexbesessenen Romanautor namens Kennedy Marr, der nur noch Drehbücher für Hollywood schreibt und dem ob seines Luxuslebens (Frauen, Drogen, Alkohol, teure Restaurantbesuche) in L.A. das Geld ausgeht. Er ist ein egoistisches, nihilistisches Arschloch und weiß das auch. Da winkt ein literarischer Preis einer Universität in England, seinem Heimatland. Doch der Preis ist mit der Auflage verbunden, dort ein Jahr lang creative writing zu unterrichten. Erst zögert er, dann lockt die Kohle. Es wird eine Reise in die Vergangenheit, denn seine Ex-Frau und seine Tochter leben auch dort. Sowie der Bruder und die im Sterben liegenden Mutter. Und da ist noch die Schwester, die einst Selbstmord beging.
John Niven tänzelt erzählerisch zwischen Ernest Hemingway und Charles Bukowski. Er schreibt über die Befindlichkeiten von Männern, verpasste Chancen, Depressionen und das oft mit einer Direktheit und Derbheit, die brüllend komisch ist. Ein großartiges Buch. Wer wissen will, wie echte Männer ticken, egal ob sie reich oder arm sind, der lese dieses Buch. 

*****

Wie ein alter Römer: "The Wolf of Wall Street"

Ganz großes Kino: Martin Scorseses Satire über den Aktienbetrüger Jordan Belfort gerät mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle zu einem der unterhaltsamsten Filme der letzten Zeit. 

Edel-Prostituierte, Champagnerduschen, Berge von Kokain und  Dollarscheinen: In der brillanten Satire "The Wolf of Wall Street" lässt Martin Scorsese ("Taxi Driver") den Raubtierkapitalismus der späten 80er Jahre mit seiner römisch anmutenden Dekadenz wieder aufleben. John Belford, gespielt von einem bestens aufgelegten Leonardo DiCaprio,  ist ein Börsenmakler, der sich um die Moral nicht schert, und wertlose Anteilspapiere mit fiktiven Gewinnprognosen an gutgläubige Klienten verscherbelt. Je größer seine Firma wird, je mehr Geld er anhäuft, desto gieriger wird er. Sein hedonistisches Leben ist eine einzige, rauschende Party, auf der jede Ausschweifung die vorherige übertrifft. Von bizarr, wie in der Anfangssequenz, wo Liliputaner als Wurfgeschosse herhalten müssen, über albern, wie die Nuttenorgien oder der mit Dollarscheinen beklebte Körper einer Frau bis hin zu grotesk, wie die Quaalude-Überdosis-Sequenz, in der Belford, fast jeder Funktion seines Körpers beraubt,  nur noch zu seinem Ferrari robben kann und - zu Hause angekommen - seinen Freund, der das Zeug ebenso geschluckt hat, reanimieren muss.
Dass solch ein Lebensstil böse endet, ist der Dramatik geschuldet. Darüber hinaus gibt es diesen Belford wirklich. Der Film basiert auf seinem gleichnamigen Buch. Wer jetzt denkt, dass der Saulus zum Paulus wird, irrt. Das wäre auch zu viel des Guten. Mal das Ende abwarten, Folks.

Unverständlich, dass in vielen Kritiken zu lesen war, dass dieser Film ohne Substanz sei und bla bla bla. Dabei gerät Scorseses Satire mit einer Spielzeit von drei Stunden zu einem der unterhaltsamsten Filme der letzten Zeit. Gefühlt waren es eineinhalb Stunden. Wie kaum ein anderer versteht der Regisseur es, eine Fülle von Ereignissen und Schauplätzen in der Erzählstruktur homogen und fließend darzustellen.  Doch er hat noch viel mehr drauf:  Wer hier nur genau hinschaut, also die Oberfläche durchdringt, sieht, wie Belford ähnlich wie Hitler im Dritten Reich seine Wolfsmeute einstimmt, scharfmacht, um sie in einen fiskalen Krieg zu schicken. Mit wie vielen Facetten DiCaprio diesen windigen Leitwolf darstellt, charmant, grinsend und zum Schluss winselnd, manchmal die vierte Wand durchbrechend, das Wort also direkt an den Zuschauer richtend, das allein ist schon die Eintrittskarte wert. Der Oscar ist ihm gewiss.

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Text: René Erdbrügger