Es gibt Serien, die versuchen, die Finanzwelt zu erklären. Und dann gibt es „Industry“. Die HBO-Serie interessiert sich nicht wirklich für Zahlen, Aktien oder Wirtschaftsnachrichten. Sie interessiert sich für Menschen, die im Kapitalismus langsam ihre Seele verlieren – und dabei verdammt gut aussehen.
Auch in der vierten Staffel bleibt „Industry“ genau darin brillant. Die Serie begleitet weiterhin junge Investmentbanker in London, die zwischen Kokain, Panikattacken, Machtspielen und absurden Arbeitszeiten versuchen, ihre Identität zu bewahren. Was früher wie eine moderne Version von „Skins“ im Finanzsektor wirkte, ist inzwischen deutlich düsterer geworden. Erwachsener vielleicht. Oder einfach nur ehrlicher.
Gerade das macht Staffel 4 so stark: Niemand in dieser Serie wirkt noch unberührt. Alle Figuren haben Schäden davon getragen. Harper bleibt dabei das faszinierende schwarze Loch der Serie – hochintelligent, manipulativ, verletzlich und gefährlich zugleich. Man weiß nie, ob man mit ihr mitfiebern oder vor ihr weglaufen soll.
„Industry“ schafft etwas, das nur wenige Serien über die Arbeitswelt hinbekommen: Sie zeigt Karriere nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als Sucht. Jede Beförderung führt nur zur nächsten Form von Selbstzerstörung. Die Figuren schlafen kaum, essen schlecht, betrügen einander permanent – und trotzdem beneidet man sie manchmal um ihre Energie und ihren Größenwahn.
Visuell bleibt die Serie kühl, hektisch und gleichzeitig extrem elegant. Die Kamera klebt förmlich an den Gesichtern, als wolle sie jede Unsicherheit sichtbar machen. Dazu dieser elektronische Soundtrack, der ständig das Gefühl erzeugt, dass gleich alles zusammenbrechen könnte.
Besonders gelungen ist in Staffel 4, dass „Industry“ den Blick etwas weitet. Es geht nicht mehr nur um junge Banker, sondern zunehmend um Machtstrukturen selbst: Wer kontrolliert wen? Wer verkauft sich? Und wie viel Mensch bleibt übrig, wenn jede Beziehung zur Transaktion wird?
Dabei ist die Serie oft erstaunlich komisch. Der trockene britische Humor sitzt weiterhin perfekt zwischen all dem emotionalen Chaos. Genau diese Mischung macht „Industry“ so besonders: Die Serie ist gleichzeitig intelligent, nervös, sexy und deprimierend.
Manchmal wirkt Staffel 4 fast wie ein Generationenporträt. Menschen Anfang 30, die gelernt haben, dass Leistung alles ist – und plötzlich merken, dass sie innerlich trotzdem leer bleiben.