Es gibt Filme, die ihre Geschichte klar und geradlinig erzählen. Und es gibt Filme wie If I Had Legs I'd Kick You, die weniger an einer klassischen Handlung interessiert sind als an einem emotionalen Zustand. Regisseurin Mary Bronstein macht die Überforderung ihrer Hauptfigur nicht nur zum Thema, sondern zur eigentlichen Erfahrung des Films.
Im Zentrum steht Linda, grandios gespielt von Rose Byrne. Sie kümmert sich um ihre schwer kranke Tochter, versucht ihren Beruf auszuüben und kämpft gleichzeitig gegen das Gefühl an, dass ihr Leben Stück für Stück auseinanderfällt. Der Film zeigt dabei keinen einzelnen Zusammenbruch, sondern einen schleichenden Prozess, in dem jede neue Herausforderung die ohnehin schon fragile Balance weiter zerstört.
Eine der spannendsten Entscheidungen der Inszenierung ist, dass die Tochter nie direkt zu sehen ist. Obwohl sie die wichtigste Person in Lindas Leben darstellt und praktisch jede ihrer Entscheidungen bestimmt, bleibt sie für das Publikum unsichtbar. Dadurch entsteht eine ungewöhnliche Perspektive: Wir erleben die Welt ausschließlich durch Linda und teilen ihre zunehmende Isolation.
Je weiter die Handlung voranschreitet, desto stärker verschwimmen Realität und subjektive Wahrnehmung. Immer wieder tauchen surreale und teilweise verstörende Momente auf, die sich einer eindeutigen Erklärung entziehen. Besonders in Erinnerung bleibt dabei die absurde Hamster-Sequenz, die zunächst fast wie ein Fremdkörper wirkt. In einem Film voller Stress, Schuldgefühle und permanenter Anspannung sorgt sie für einen unerwartet komischen Moment. Gleichzeitig passt sie erstaunlich gut in die Logik des Films, weil sie die zunehmende Desorientierung der Hauptfigur widerspiegelt. Man lacht, ist aber zugleich irritiert – ein Gefühl, das viele Szenen dieses Films prägt.
Überhaupt versteht es If I Had Legs I'd Kick You, Humor und Verzweiflung eng miteinander zu verbinden. Die komischen Momente wirken nie wie klassische Erleichterungen, sondern eher wie bizarre Auswüchse einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät. Gerade dadurch entsteht ein Tonfall, der sich von vielen anderen Dramen deutlich unterscheidet.
Der Film wird dabei fast vollständig von Rose Byrne getragen. Ihre Darstellung gehört zu den stärksten, die ich in den vergangenen Jahren gesehen habe. Sie vermittelt Erschöpfung, Wut, Angst und Hoffnungslosigkeit mit einer Intensität, die den Film auch in seinen schwierigsten Momenten zusammenhält. Selbst wenn die Handlung bewusst fragmentarisch bleibt, verliert man durch ihre Präsenz nie die emotionale Verbindung zur Geschichte.
Visuell setzt der Film auf Nähe und Enge. Die Kamera bleibt oft dicht bei Linda und erzeugt eine beinahe klaustrophobische Atmosphäre. Dadurch entsteht der Eindruck, als würde man nicht nur ihre Geschichte beobachten, sondern ihren mentalen Zustand unmittelbar miterleben.
If I Had Legs I'd Kick You ist kein einfacher Film und sicher nicht für jeden Geschmack geeignet. Wer jedoch offen für ein ungewöhnliches, teilweise surreales Charakterdrama ist, wird mit einem intensiven Kinoerlebnis belohnt. Die Mischung aus emotionaler Wucht, schwarzem Humor und irritierenden Momenten – wie der unvergesslichen Hamster-Szene – macht den Film zu einem der eigenwilligsten und interessantesten Werke der letzten Zeit.
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